KI in Unternehmen: Interview mit KI-Experte Patrick Cupelin
Warum ist KI aktuell für Unternehmen so relevant? Welche Fehler passieren beim Einsatz immer wieder? Braucht es klare Regeln für KI im Unternehmen? KI-Experte Patrick Cupelin von brainkick marketing gibt im Interview Auskunft, warum KI aktuell so relevant für KMUs ist.

Was hat sich im Bereich KI-Tools in den letzten 12 Monaten am stärksten verändert?
Aus meiner Sicht hat sich vor allem eines verändert: KI ist vom Spielzeug zum Arbeitskollegen geworden. Früher ging es stark um einzelne Prompts und Textantworten. Heute sprechen wir über multimodale Systeme, die Text, Bilder, Tabellen, Dokumente, Audio und Code verarbeiten können.
Zudem werden die Tools stärker in echte Arbeitsabläufe integriert. KI sitzt nicht mehr nur im Browserfenster, sondern wird Teil von Office, Recherche, Präsentation, CRM, Wissensmanagement oder Automatisierung.
Für KMU ist das eine grosse Chance, aber auch eine Herausforderung. Denn die Tool-Landschaft ist unübersichtlich geworden. Man muss nicht überall dabei sein. Wichtiger ist die Frage: Welches Tool löst welchen konkreten Schmerz? Genau diese Orientierung brauchen viele Unternehmen dringend.
Weshalb tun sich viele Unternehmen noch schwer mit dem Einstieg?
Viele Unternehmen tun sich schwer, weil sie KI entweder zu gross oder zu klein denken. Die einen erwarten sofort die grosse Transformation. Die anderen testen ein bisschen ChatGPT und wundern sich, dass danach nichts passiert.
Was oft fehlt, ist die Übersetzung in den konkreten Alltag: Was bedeutet KI für meine Branche, mein Team, meine Prozesse, meine Mitarbeitenden? Viele KMU haben keine KI-Abteilung, keine L&D-Abteilung und oft auch niemanden, der das Thema intern treiben kann. Dazu kommen Unsicherheit, Datenschutzfragen, Tool-Wildwuchs und bei Mitarbeitenden manchmal auch Angst oder Augenrollen.
Welche Fehler machen Unternehmen beim Einsatz von KI immer wieder?
Der häufigste Fehler ist: Man startet beim Tool statt beim Problem. Dann kauft man Lizenzen, verschickt einen Link und hofft, dass jetzt Innovation passiert. Das funktioniert selten.
Der zweite Fehler ist die Einmaligkeit. Ein KI-Workshop kann ein super Start sein. Er erzeugt Energie, Neugier und erste Erfolgserlebnisse. Aber wenn danach nichts mehr kommt, schläft das Thema wieder ein. KI ist kein Feuerwerk, sondern ein Muskel. Man muss ihn regelmässig trainieren.
Der dritte Fehler ist fehlende Klarheit: Welche Tools dürfen wir nutzen? Welche Daten dürfen eingegeben werden? Wer prüft die Ergebnisse? Was ist ein guter Use Case? Wenn diese Fragen offenbleiben, entsteht entweder Wildwuchs oder Stillstand. Beides ist gefährlich.
Braucht es klare Regeln für KI im Unternehmen?
Ja, unbedingt. Aber Regeln dürfen nicht als Verhinderungsprogramm verstanden werden. Gute Regeln sind Leitplanken. Sie geben Sicherheit, damit Mitarbeitende KI überhaupt mutig und sinnvoll nutzen können.
Ohne Regeln passiert oft Schattennutzung: Mitarbeitende nutzen KI heimlich, kopieren vielleicht sensible Informationen in ungeeignete Tools oder übernehmen Ergebnisse ungeprüft. Das ist riskant. Auf der anderen Seite lähmen zu komplizierte Regelwerke die Organisation.
KMU brauchen pragmatische KI-Guidelines: verständlich, alltagstauglich und nicht 40 Seiten lang. Was ist erlaubt? Was ist tabu? Wo braucht es menschliche Kontrolle? Wie gehen wir mit Kundendaten, internen Dokumenten und Quellen um?
Eine gute KI-Policy ist nicht das Ende der Innovation. Sie ist oft erst die Voraussetzung dafür.
Übrigens bekommt das Thema gerade auch regulatorisch Schub: Ab 2. August 2026 können EU-Behörden die KI-Kompetenz-Pflicht aus Artikel 4 des EU AI Act durchsetzen – Unternehmen müssen dann nachweisen können, dass ihre Mitarbeitenden im Umgang mit KI-Systemen geschult sind, nicht nur behaupten. Das betrifft auch Schweizer Firmen, die mit der EU Geschäfte machen oder deren KI-Output dort genutzt wird. Wer das nicht dokumentiert, sondern nur «irgendwie macht», hat im Ernstfall ein Problem.
Welche Veränderungen werden in Bezug auf KI in den nächsten 1–2 Jahren aus deiner Sicht erwartet?
Wir bewegen uns vom KI-Assistenten zum KI-Agenten. Heute fragt man ein Tool etwas und bekommt eine Antwort. Künftig werden Systeme ganze Aufgabenketten übernehmen: recherchieren, vergleichen, zusammenfassen, Entwürfe erstellen, Daten aktualisieren, Follow-ups vorbereiten. Und alles nach den eigenen definierten Corporate Regeln.
Das heisst aber nicht, dass der Mensch unwichtig wird. Im Gegenteil. Der Mensch wird stärker zum Auftraggeber, Qualitätsprüfer und Entscheider. Das verlangt neue Kompetenzen: gute Aufgaben formulieren, Ergebnisse kritisch prüfen, Prozesse verstehen und Verantwortung behalten. Die Verantwortung kann nicht an KI delegiert werden.
Welche Bedenken hast du als Experte in Bezug auf die Nutzung von KI?
Meine grösste Sorge ist nicht, dass KI manchmal falsche Antworten gibt. Das wissen wir inzwischen. Meine grössere Sorge ist der unkritische Umgang damit.
Wenn Mitarbeitende KI-Ergebnisse blind übernehmen, verlieren sie Schritt für Schritt die eigene Urteilskraft. Und wenn Unternehmen KI einfach einführen, ohne die Menschen zu befähigen, entsteht Unsicherheit, Misstrauen oder Abhängigkeit.
Ein weiteres Risiko ist der Verlust von internem Wissen. Wenn niemand mehr versteht, wie ein Ergebnis entstanden ist, wird es schwierig, Verantwortung zu übernehmen. Darum braucht es AI Literacy: Mitarbeitende müssen wissen, was KI kann, was sie nicht kann und wann der gesunde Menschenverstand wichtiger ist als die schön formulierte Antwort.
Diese Sorge gilt eins zu eins auch für Auftraggeber: Wenn Kund:innen glauben, ein KI-Entwurf sei automatisch eine fertige Strategie, fehlt ihnen genau die Urteilskraft, die ein erfahrener Dienstleister mitbringt. Das ist eine Chance für alle, die diese Einordnung glaubwürdig anbieten können.
Artificial Intelligence benötigt zuerst Natural Intelligence. Und zwar ganz viel davon.
Was ist dein liebstes KI-Tool und warum?
Mein liebstes KI-Tool ist nicht einfach ein einzelnes Tool. Es ist der richtige Workflow. Natürlich nutze ich ChatGPT und auch Claude AI sehr intensiv, aber spannend wird es erst, wenn KI mit eigenem Wissen, klaren Rollen, guten Prompts und sicheren Prozessen verbunden wird.
Für KMU ist das besonders wertvoll: Die KI soll nicht einfach irgendetwas aus dem Internet erzählen, sondern mit den eigenen Dokumenten, Angeboten, Prozessen, Zielgruppen und Tonalitäten arbeiten. Dann wird sie vom netten Textgenerator zum echten Arbeitsinstrument.
Ich mag KI dann am meisten, wenn sie Menschen entlastet, aber nicht entmündigt. Wenn sie Routine übernimmt, aber Denken nicht ersetzt. Und wenn sie einem Unternehmen hilft, schneller, klarer und besser zu werden, ohne seine eigene Handschrift zu verlieren.

